Zwitscherhexe

Stricken, Kochen, Pferde. Mein Leben zwischen Stricknadeln, Kochtöpfe und Reitstall

Gedanken

- 8. Januar 2012

Die Strickwelt verändert sich. Nein, sie hat sich bereits verändert. Ravelry, Strickblogs, Foren….heute sind wir vernetzt, laden uns Anleitungen auf den Computer, tauschen uns aus, lernen von anderen und sind schon lange nicht mehr die altbackenen, strickenden Hausfrauen oder Ökoladys der früheren Jahre

Als ich vor 25 Jahren begonnen habe zu stricken, hatten wir nicht viel Auswahl an Garnen oder Anleitungen. In meiner Heimatstadt gab es damals zwei kleine Woll- bzw. Handarbeitsgeschäfte. Der eine kleine Laden, der bis heute existiert, hatte nicht viel Auswahl. Neben Stickzubehör und Schulgarnen gab es Wolle von 3 Pagen und ich glaube ONline. Verschiedene Mischgarne und einfache Baumwolle wurden angeboten. Es reichte für die Anleitungen aus dem Strickmagazin „Verena“ das ich abboniert hatte und monatlich erschien. Wenn ich mir heute diese alten Modelle anschaue, muß ich schmunzeln. Ein Pullover bestand aus zwei geraden Teilen mit Halsausschnitt und zwei konischen Ärmeln. Von Armkugeln, Taillierungen oder alternativen Bundabschlüssen war keine Rede. Pullover die man von oben nach unten strickt, Jacken die man in Runden strickt und dann aufschneidet, davon konnten wir nicht einmal träumen. Nur die Mustervielfalt in dem Heftchen war enorm und ich verdanke heute mein Geschick in Musterstricken dieser Tatsache.

Zwei frühe Modelle

Als ich dann das erste Mal Merinowolle oder reine Seide in den Händen hielt, veränderte sich schon einiges bei mir. Ein gewisses Umdenken. Dank sei der Besitzerin des zweiten kleinen Ladens. Sie bot Garne von der französischen Firma Bouton’dor an und hatte auch Strickhefte dieser Firma auf Lager. Wow, endlich einmal Modelle die anders waren. Noch heute schaue ich mir die damals gestrickten Bouton’dor Modelle gerne an und trage sie durchaus noch. Auch die Verena Pullis und Jacken wurden dank edler Wolle zu etwas besonderen. Ich konnte mir zwar damals die teure Wolle nicht so leisten, aber für ein paar Stücke reichte es schon.

Ein Bouton’dor Modell und ein Pullover aus reiner Seide

Anfang der 90iger Jahre erlebte der Strickboom einen Einbruch. Plötzlich schlossen viele der kleinen Wolllädchen, auch mein kleiner Lieblingsladen schloss für immer seine Pforten. Das Magazin „Verena“ wurde eingestellt und ich hörte für eine Zeitlang auf zu stricken. Angefangene Projekte lagen im Keller und wurden vergessen. Aus irgendeinen Grund war Stricken plötzlich wieder verstaubt und altbacken. War es doch vorher cool und trendy gewesen. Ich weiß nicht was die Wende brachte, aber plötzlich kam Verena wieder in den Handel und war plötzlich viel stylischer und moderner als noch vor Jahren. Der kleine Handarbeitsladen hatte jetzt Garne von Lana Grossa und Gedifra. Merinowolle wurde das normalste der Welt. In dieser Zeit habe ich viel produziert. Zeitlos und immer noch tragbar.

Gestrickt aus Lana Grossa Alpaka Garn, Modell ebenfalls Lana Grossa

Modell aus dem Magazin Verena, gestrickt aus Lana Grossa Garn

Aber dann entdeckte ich das Internet. Wollshops die handgefärbte Wolle aus Peru anbieten und Wolle von exklusiven Firmen aus der ganzen Welt, Edelholznadeln und alles mögliche Strickzubehör von den ich nichts ahnte. Erstaunt habe ich auf den ersten Strang von Art Yarns geblickt, meine erste Kaschmirwolle verstrickt und etwas von Surialpaka erfahren. Plötzlich strickte ich kein Norwegermuster sondern Fair Isle und aus dem banalen Ajour wurde feines Lace-Muster mit Garnen die unglaubliche Lauflängen von bis zu 600 m erreichen können (per 50 gramm, versteht sich)

Mein erstes Kaschmir Twinset (Wolle von Lang Yarns)

Und da veränderte sich wieder etwas in mir. Ich merkte wie eingefahren ich eigentlich in meiner Strickerei war. Aber jetzt lernte ich wieder dazu, hole mir bis heute Anregungen von anderen Strickerinnen und werde immer vielfältiger und die Aha-Erlebnisse sind immer noch da, so wie bei meinen ersten Knäuel Merinowollw. Danke schöne neue virtuelle Welt…..

Nun werde ich meinen Fair Isle Handschuh aus englischer Shetlandwolle mit Holznadelspiel weiterstricken. Fair Well!

Eure Bettina

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2 responses to “Gedanken

  1. papier&faden sagt:

    Daß Stricken noch vor einigen Jahren als etwas für alte Frauen und Öko-Frauen galt, habe ich eigentlich erst recht spät zugetragen bekommen, denn zwar hat meine Oma gestrickt, aber eben auch meine Mutter, die somit nicht in die erste Kategorie fiel und in die zweite auch nicht passte. Für mich als Kind machte es deshalb immer den Eindruck, als wäre es keine Frage des „Wer strickt?“ sondern „Aus welchen Gründen?“. Und da gab es scheinbar nur zwei Möglichkeiten, so wie ich das gesehen habe. Entweder aus reiner Freude am Stricken oder aus Notwendigkeit – eine Notwendigkeit, die sich vielleicht aus meiner Kindheit in der DDR ergab. Manchmal hatte ich gar den Eindruck, daß das Stricken fast so etwas wie staatlich angeordnet war, nicht direkt, aber durch den Mangel an Kleidung in den Geschäften einerseits und den Unmengen an Strickzeitungen, die im Umlauf waren, andererseits (was auch für Häkel- und Nähzeitschriften galt). In dem Punkt kann ich mich jedoch auch täuschen, da ich nicht mehr genau weiß, ob diese Zeitschriften wirklich alle aus DDR-Verlagen stammten oder nicht doch mit West-Paketen hinter die Mauer gelangten. Vielleicht beides. Da muss ich direkt mal mit meiner Mutter drüber sprechen und nachfragen. Danke für die (ungewollte) Anregung durch deinen Eintrag 🙂

    • Interessanter Gedanke! Ich habe auch mit meiner Mutter über das Strickverhalten meiner Oma und in der Nachkriegszeit gesprochen und das wird noch ein eigener Blogeintrag:) Danke für die Inspiration!

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